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In Wien |
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Es heißt, in Wien lebt ein Mann, der mit Computern spricht. Und man sagt, sie reden auch mit ihm. Ich betrete sein Geschäft. Ein Mann mittleren Alters telefoniert. Er lässt sich durch mich nicht beirren, ich störe ihn nicht. Die Tür war ja offen. Er ignoriert mich. In seinem Geschäft sieht es aus wie in meinem Keller: Überall liegen Computerteile, Widerstände, ein Lötgerät. Aschenbecher gut befüllt mit Zigarettenstummeln, Kaffeeränder auf der Theke. Er spricht von Low Level-Tools für alte 100er Platten und von Schreib- und Leseköpfen. Alte Kartons dienen als Dekor, und Zigarettengeruch rundet das Bild ab. Er legt den Hörer sorgfältig auf das Telefon und wendet sich mir zu. Seine Brille ist notdürftig geflickt, seine Kleidung leicht schmuddelig. „Bitte sehr“ sagt er zu mir und zündet sich eine Zigarette an. Ich verlange einen Kühler. Den besten will ich haben. „Bist du ein Takter?“ fragt er mich. Er meint damit, ob ich Prozessoren übertakte. Aber ich bin kein Takter. Ich bin ein Bastler. Er zaubert ein Kühlgerät hervor und schließt es an den Strom an. Wortlos. Ein Schweißgerät auf dem Tisch wird angezündet. Er hält es drunter. Der Kühler wird schneller und schneller, je heißer es wird. Phantastisch. Das muss ich haben. Er redet wieder von Prozessoren. Dass Athlons viel Kühlung brauchen. Und dass er vom „Takten“ nichts hält. „Weil sie dann nur schneller kaputt werden“ sagt er. Ich frage ihn nach verschiedenen Einbauteilen und erkläre ihm meine Probleme. Er antwortet geduldig und geizt nicht mit Wissen, erfindet neben den Erklärungen ganz einfach die Wireless-Festplatte neu und erzählt mir, dass er in den 60ern ein Hippie war. Wir rauchen mehrere Zigaretten. Er nimmt sich Zeit für mich. Studenten kommen herein. Nur Kaffeetrinken und über Computer reden. Sie kaufen nichts. Er macht Kaffee für alle. Es wird gemütlich. Server-Hardware wird virtuell auseinandergenommen. Ich erfahre, dass er Mainboards reparieren kann. Das er überhaupt alles reparieren kann. „Das war ursprünglich ein kleines Elektrogeschäft“ sagt er. „Früher haben die Leute ihre Elektrogeräte noch reparieren lassen, weißt du. Da sind sie gekommen, weil halt alles so teuer war. Da hat sich das ausgezahlt. Und einmal kam ein Arbeitsloser. Ich hab ihn gekannt, weil er immer bei mir Kaffeetrinken war. Gekauft hat er nie etwas. Ich habe seinen Computer repariert und nichts dafür verlangt. Seither war die Bude voll und ich habe auf Computer umgesattelt. Er hat es einfach jedem weitererzählt.“ Dann folgt wieder ein Gedankensprung. „In Griechenland habe ich mehrere Jahre gelebt. Aber dann bin ich weg.“ Mehr sagt er nicht dazu. Und ich frage nicht. „Ich kenne sehr viele Leute“, meint er. „Leute, aus denen mittlerweile was geworden ist. Und als Studenten habe ich ihre Computer zusammengeflickt.“ Er lächelt. „Sie kommen heute noch immer wieder auf einen Kaffee vorbei“ fügt er lächelnd hinzu. Er schaut meinen Kühler an und hat ganz nebenbei diverse Ideen, wie ich mein Kühlsystem verbessern könnte. „Die Leute, die billige Computer kaufen, kommen immer zu mir. Qualität hat seinen Preis“. Er seufzt. „Ich bin froh, dass der Saturn in der Nähe ist. Der schickt mir immer die Problemkunden. So komme ich zu meinem Geschäft“. Ich bezahle einen sehr moderaten Preis. Er ist nicht teurer als andere Geschäfte mit der gleichen Qualität. Als ich das Geschäft verlasse, komme ich mir vor wie in einer anderen Welt. Seine Karte hat er mir mitgegeben. „Du kannst mich anrufen“ hat er gemeint. „Ich bin immer bis mindestens Mitternacht da“. Ich gehe nach Hause. Etwas klüger als zuvor und zwei Stunden später. Es kam mir wie höchstens eine halbe Stunde vor. Der Mann, der mit Computern spricht, existiert. Man kann ihn besuchen. Es stört ihn nicht, die Tür ist ja offen. Adresse: Gerhard Loner, Lindengasse 20, 1070 Wien (Nähe Gerngross) ---
Anm.: erschienen in Mensa-Zeitung 03/2003 – von Peter Stadler |
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